Wäh|ler|täu|schung, die
Glanzloser SiegerDie Bundestagswahl 2025 liegt hinter uns und Deutschland ist sich treu geblieben. CDU/CSU sind mit 28,6% (+4,4 Prozentpunkte) der Zweitstimmen klar zur stärksten Fraktion geworden. Allerdings hat das Ergebnis einen faden Beigeschmack. Schlechter als unter Friedrich Merz schnitt die Union nur bei der Bundestagswahl 2021 unter Spitzenkandidat Armin Laschet ab. Der eigentliche Wahlsieger ist die AfD, die trotz erheblichen medialen Gegenwinds ihr Ergebnis auf 20,8% glatt verdoppeln konnte – und selbst damit unter mancher Prognose blieb. Auf Platz 3 folgt die SPD mit 16,4% und einem Minus von satten 9,3 Prozentpunkten, was sie zu einem der großen Verlierer macht. Noch bitterer ist die Niederlage bei der FDP, die mit 4,3% Stimmanteil den Einzug in den Bundestag nicht nur deutlich verpasst hatte, sondern mit einem Minus von 7,1 Prozentpunkten regelrecht verdampfte. Auch die Grünen wurden ganz ohne Tempolimit eingebremst. Am Ende standen 11,6 % auf der Uhr. Das ist mit minus 3,1 Prozentpunkten noch der geringste Rückgang bei den ehemaligen Ampel-Parteien und immerhin das zweitbeste Bundestagswahl-Ergebnis der Grünen in ihrer Geschichte. Überraschungssieger ist die bereits totgesagte Linke, die vor allem bei den unter 24jährigen punkten konnte. In dieser Altersschicht wird traditionell ein romantisiertes Verhältnis zum Sozialismus gepflegt, das sich mit eigenem Einkommen rasch verwächst. Ein wahres Drama spielt sich dagegen beim BSW von Sahra Wagenknecht ab, das mit 4,97% der Stimmen den Einzug in den Bundestag denkbar knapp verpasste. Von dieser Seite wird ein juristisches Nachspiel gefordert, denn tatsächlich ist es erneut zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Verzählt hat man sich – Überraschung! – wieder einmal in Berlin. Wesentlicher aber ist, dass angesichts des kurzfristig anberaumten Termins viele Auslandsdeutsche offenbar nicht rechtzeitig ihre Stimmzettel erhalten hatten, geschweige denn abgeben konnten.
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Das große Stühlerücken
Bei den Parteien rotiert das Personalkarussell. Für „Bündniskanzler“ Robert Habeck heißt es erst einmal: kein Bündnis und schon gar kein Kanzler. Angefasst gab der seinen Rückzug aus der Spitzenpolitik bekannt. Doch der Personenkult wirkt nach. Seine Anhänger fordern in einem offenen Brief mit aktuell mehr als 300.000 Unterschriften den Verbleib des gescheiterten „Hoffnungsträgers“. Unsere Prognose: Lange wird er sich nicht bitten lassen. FDP-Chef Lindner gab ebenfalls auf. Bei der FDP warf als erstes Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihren Hut für den Parteivorsitz in den Ring. Die klagefreudige Dame gilt spätestens seit ihrem Einsatz für eine allgemeine Impfpflicht mit mRNA-Spritzen nicht gerade als Verkörperung der reinen liberalen Lehre. Da ist Wolfgang Kubicki – zumindest verbal – schon aus einem anderen Holz geschnitzt. Nachdem er bereits seinen Rückzug aus der aktiven Politik bekanntgegeben hatte, motivierte ihn möglicherweise sogar die Aussicht auf eine FDP-Vorsitzende Strack-Zimmermann doch noch einmal eine Kandidatur für den FDP-Vorsitz in Erwägung zu ziehen. Von einer echten Erneuerung kann in beiden Fällen nicht die Rede sein. Im März wird Strack-Zimmermann 67, Kubicki gar 73 Jahre alt! Die SPD igelt sich nach der Niederlage ein. Zwar deutete Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz seinen Abschied von der aktiven Politik an, andere Akteure wollen aber wohl weitermachen, darunter auch höchst umstrittene Personen wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach oder Innenministerin Nancy Faeser. Selbst Parteichefin Esken zeigte ihr freundlichstes Gesicht, tadelte die Wähler und sah von daher keinen Grund, sich nicht wie ein Klimakleber an der SPD-Spitze festzubetonieren – man nennt es wohl Betonsozialismus, sehr zur Freude der politischen Konkurrenz.
Für CDU-Chef Friedrich Merz ist die Lage insgesamt misslich. Selbstverschuldet ist das Koalitionsdilemma. Da er die Große Koalition mit der AfD schon im Vorfeld kategorisch ausgeschlossen hat, bleibt ihm in der aktuellen Konstellation nur das Bündnis mit der SPD. Die hat schon deshalb nichts mehr zu verlieren, weil sie mit dem historisch schlechtesten Ergebnis in der Geschichte der Republik bereits fast alles verloren hat. Zwar stellte ihr der Wähler ein schlechtes Zeugnis aus und teilte ihr ein miserables Blatt zu, das aber kann sie nun genüsslich ausspielen. Es genügt der Hinweis auf eine Mitgliederbefragung, um jeden Ansatz eines Reformversuchs im Keim zu ersticken. Der Koalitionsvertrag wird windelweich werden und die CDU kann in dieser Konstellation nur verlieren.
Insofern trifft es die Überschrift unseres Artikels „Das große Bild“ im neuen Smart Investor 3/2025, der noch vor der Bundestagswahl erschienen ist, ganz gut: „Alles wird, wie es ist – vorerst“. Das scheint noch eine optimistische Sichtweise. Denn kaum waren die Wahllokale geschlossen, ließ Merz die verdutzte Öffentlichkeit beispielsweise wissen, dass niemand in der CDU die Grenzen schließen wolle. Zudem lehnte er einen Vorschlag des scheidenden Robert Habeck nicht kategorisch ab, noch mit den Mehrheiten des bestehenden und bereits abgewählten Bundestags das Grundgesetz für eine Aufweichung der Schuldenbremse zu ändern. Ein bemerkenswerter Vorgang. Sogar ein neues Sondervermögen für die Bundeswehr ist im Gespräch, noch vor der Aufnahme ernsthafter Koalitionsverhandlungen. „Sondervermögen“, die älteren werden sich erinnern, hießen vor der heute üblichen Schönfärberei schlicht Schulden. Das böse Wort von der Wählertäuschung geht um. Andererseits sprach es die Große Vorsitzende Angela Merkel schon 2008 in aller Deutlichkeit aus: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt.“
Derweil geht die Talfahrt der deutschen Wirtschaft ungebremst weiter und auch sonst sind gute Nachrichten rar gesät. So meldete die Bundesbank erst diese Woche einen Rekordverlust von 19,2 Mrd. EUR, eine Folge von Stützungskäufen der Vergangenheit und der nachfolgenden Zinswende. Besserung ist nicht in Sicht, wenn auch der Gipfel der Verluste nach Angaben der Bank überschritten sein soll. Die „Rettungspolitik“ der EZB war offenbar kein „free lunch“, sondern ein Festessen, für das die Rechnung scheibchenweise präsentiert wird, auch in Form einer höheren Geldentwertung. Der Wechselkurs des Euros zum US-Dollar zeigte sich allerdings weder vom Wahlausgang noch von den Bundesbank-Verlusten sonderlich beeindruckt.
Insgesamt wohlwollend reagierte der DAX auf den Wahlausgang (s.u.), wenn auch nicht einheitlich. Am Tag nach der Wahl waren vor allem die Titel von Rheinmetall (WKN: 703000) gefragt. Die Papiere sprangen um +6,40% nach oben, da sich die Anleger von einer CDU-geführten Regierung verstärkt Rüstungsaufträge erwarten. Tatsächlich bleiben die Weichen – allen US-Bemühungen in Sachen Ukraine zum Trotz – weiter in diese Richtung gestellt. Die Gleichung Waffenstillstand = Friedensdividende wird diesmal wohl nicht aufgehen, weil Europa einen dezidiert eigenen Weg einschlagen will und vor allem die lange vernachlässigte Rüstung aus lokaler Produktion stärken wird. Für europäische Rüstungstitel bedeutet das weiter Rückenwind.
Schon im Vorfeld der Wahl haben die Aktien von Siemens (WKN: 723610) deutlich angezogen. Das Unternehmen ist ein Champion in Sachen Infrastruktur, ebenso wie Hochtief (WKN: 607000), bei der wir aktuell mit einem Kauflimit für unser Aktien-Musterdepot auf der Lauer liegen. Die allgemeine Infrastruktur ist nicht nur in Deutschland über die letzten Jahre in dieselben gekommen. Von einem Kanzler Merz wird erwartet, dass weniger Geld in Orchideenprojekte in aller Welt fließt und stattdessen die deutsche Infrastruktur wieder fit gemacht wird. Zu den Gewinnern gehörten auch Fahrzeugaktien wie Volkswagen Vz. (WKN: 766402), die zuletzt sogar an ihrem Abwärtstrend kratzen konnten. Hier wird derzeit die Hoffnung gespielt, dass der Druck auf die Autobauer ohne grüne Regierungsbeteiligung etwas nachlassen könnte.
Wo Licht ist, ist allerdings auch Schatten. Weniger erfreut reagierten einige Energieaktien auf den bevorstehenden Machtwechsel. Insbesondere Siemens Energy (WKN: ENER6Y) erlitt schon am Montag mit einem Minus von -4,0% eine Schrecksekunde. Hier wird vermutet, dass die stark in der Kritik stehende deutsche Energiewende unter einem Kanzler Merz mit weniger Ideologie und etwas mehr Pragmatismus verfolgt werden dürfte. Das beeinflusst einen Exponenten der Erneuerbaren Energien tendenziell negativ. Dagegen konnte sich RWE (WKN: 703712) erholen. Zwar setzt man auch hier wohl oder übel auf die Energiewende, ist aber weiter stark in der konventionellen Energieerzeugung tätig.
NVIDIA ist und bleibt eine der meistdiskutierten Aktien am Markt. Das Tech-Schwergewicht litt zuletzt unter dem DeepSeek-Schock, über den wir ausführlich berichtet hatten. Das dadurch erzeugte Abwärts-Gap konnte zwar geschlossen werden, eine Wiederaufnahme des Aufwärtstrends gelang bislang jedoch nicht. Es wirkte, als sei mit der Gap-Schließung nur das Pflichtprogramm abgearbeitet worden. Kaum war es nämlich geschlossen, ging es drei Tage lang deutlicher nach unten. Heute nach Börsenschluss also die ersehnten bzw. gefürchteten Quartalszahlen. Gefürchtet deshalb, weil die Aktie ein Taktgeber für den gesamten Markt sein könnte. Auch andere Tech-Titel sehen etwas müde aus und NVIDIA ist streng genommen seit Juni 2024 per Saldo nicht mehr vorangekommen, trotz des Medien-Hypes um diesen Titel. Dies wohlgemerkt, obwohl das Unternehmen in der Zwischenzeit zweimal geliefert hat, also die Erwartungen des Marktes übererfüllen konnte. Positiv ist, dass die Spekulation dieses Mal im Vorfeld der Quartalszahlen nicht angeheizt wurde. Lediglich in der heutigen Vorbörse zeigt sich erstmals seit einer Woche ein echtes Kursplus. Zudem dürften die Nach-DeepSeek-Erwartungen schon etwas heruntergekommen sein. Dennoch: Einen echten Ausrutscher würde die Börse sicher mit spürbaren Kursabschlägen quittieren. Es gibt aus unserer Sicht also keinen Grund sich vor der Quartalszahlen-Lotterie zu positionieren.
Ohne despektierlich sein zu wollen, ist der frühere ZDF-Moderator und mehrfache Bestseller-Autor Peter Hahne ein echtes Urgestein der deutschen Fernsehgeschichte. Er ist das Gesicht, das Sie über viele Jahre vom Bildschirm gegrüßt hat. Doch dessen nicht genug. Der einstige ZDF-Mann ist heute einer der kenntnisreichen und wortgewaltigen Kritiker des deutschen Medienbetriebs. Dabei beherrscht er sowohl das leichte Florett als auch den schweren Säbel. Am 2. März, ab 16:00 Uhr (Einlass: 15:00 Uhr) gastiert er im Bürgersaal Ergolding (Lindenstraße 40, 84030 Ergolding/Landshut) mit seinem aktuellen Vortrag „Wie weiter, Deutschland? Statt resignieren: engagieren, motivieren …“ Lassen Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, diesen begnadeten Redner einmal live zu erleben. Ticktes gibt es im Vorverkauf für 18€ bzw. an der Tageskasse für 20€.
Die Wahl ist gelaufen und der DAX läuft weiter. Erleichtert reagierten die Anleger in deutschen Aktien auf die Chance einer halbwegs stabilen CDU/SPD-Regierung. Für die Politik kommt es nun darauf an, diese Chance für echte Reformen zu nutzen. Wird daraus aber nur ein „Weiter so“ könnten sich die Vorschusslorbeeren schnell in Luft auflösen. Die Risiken für letzteres sind gar nicht so gering, denn aktuell scheinen die stark ideologisierten Teile der SPD der Versuchung nicht zu widerstehen, die unglücklich agierende Union am Nasenring durch die Manege zu führen. Merz sind dabei die Hände praktisch gebunden (s.o). Sondiert er doch noch mit der AfD, würde er im Medienmainstream als wortbrüchig zerrissen werden. Schafft er es nicht, eine Koalition mit der SPD zu zimmern, in der die Unionspositionen wenigstens zu erkennen sind, ist sein Reformprogramm gescheitert und die Wähler werden sich von der CDU weiter abwenden.
Obwohl der DAX auch weltweit erst einmal zu den starken Indizes gehört, liegt die nächste Aufgabe unmittelbar vor ihm. Will er nach dem leichten, aber keineswegs euphorischen Nachwahlaufschwung nicht doch noch in die Konsolidierung, muss er das Allzeithoch von vergangener Woche zeitnah überwinden.
Musterdepots & wikifolio
In der Rubrik Musterdepots & wikifolio finden Sie diesmal Transaktionen für unser Musterdepot sowie ein Kurzupdate zum wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Unsere große Monatsübersicht zum Aktienmusterdepot für den Monat Februar ist für sie online. Im Musterdepotbereich können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.
Fazit
Einmal mehr hat die Politik die Märkte fest im Griff. Dagegen tritt selbst die US-Berichtssaison etwas in den Hintergrund, bis auf NVIDIA. Angesichts der Umwälzungen in den USA und der deutschen Regierungsbildung kann dies aber auch fast gar nicht anders sein.
Ralf Flierl, Ralph Malisch
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